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Die Sage vom See

Eine Sage weiß um die Entstehung des Antholzer Sees:

Drei Bauernhöfe mit bestem Auskommen standen einst dort, wo heut der See das Tal einnimmt. Es war Kirchtag. Ein Bettler hatte den Weg hierher gefunden. Er ging von Hof zu Hof. Doch man gab ihm nichts und wies ihn ab. Mit hartem Herzen. Und man lachte nur über den Fluch des Bettlers. Der nun sagte: Seht, hinter eurem Haus wird eine Quelle aufgehen. Seht nur, was geschehen wird.

Und bald schon waren die einstmals reichen Höfe in Wasser versunken. Heute noch versorgen die Quellen den Antholzer See mit Wasser und geben ihm die Klarheit, die den einstmals so überheblichen Bewohnern der Höfe gefehlt haben mag.

Stampe hin, Stampe her!

Im Antholzer Tal bestand von alters her der schöne Brauch, zur Zeit der Rauchnächte, also am Heiligen Abend, Neujahrs- und Dreikönigsabend, ärmere Leute in “die Weihnachte” einzuladen. Nach dem Mahl begeben sich die kleinen und großen Gäste, beladen mit einem Tuch voll „Tirschtlan“ und Krapfen, wieder nach Hause in die warme Stube.
Dass sich der eine oder andere Antholzer dann im nahen Wirtshaus einfand, um den langen Winterabend durch ein Spielele zu verkürzen, ist keinem zu verübeln. An die letzte der Rauchnächte knüpft sich folgende Sage:

Vor vielen Jahren saßen einmal nach eingenommenem Dreikönigsmahl einige Bauern beim Außerweger, das damals noch ein Gasthaus war, und spielten und zechten bis tief in die Nacht hinein. Längst schon hatte der Wirt zum Aufbruch gemahnt, aber das Spiel wurde immer toller, die Köpfe der Zecher immer hitziger, die Stimmung gehobener. Noch einmal und noch einmal wurden die Karten ausgegeben: Trumpfober, -könig und –as knallten auf den Tisch, dass die Krüge hüpften und die Zinnkannen schepperten und der Wein in Bächlein unter Bänke und Stühle floss.

Mitternacht war schon vorüber, als ein Dröhnen und Brausen die Spieler aufschreckte. „Um Gottes willen“, rief die Wirtin, „die Stampe kommt, die Wilde Fahrt! (Der Name Stampe kommt aus dem Iseltal und ist gleichbedeutend mit Perchta) Seht ihr’s nicht blitzen und flammen von weitem! Ein jeder bleibe sitzen und rühre sich nicht vom Fleck, sonst ist er verloren! Wehe dem, der es wagt, außer das Haus zu treten: Die Stampe nimmt jeden mit, dem sie auf ihrem Ritt begegnet, und der möge dann zusehen, wo sie ihn bleiben lässt!“ – „Ach was, die Stampe hin, die Stampe her!“ rief einer der lustigen Brüder, „ich muss hinaus, es drängt mich sehr. Gleich bin ich wieder da, dann spielen wir weiter!“ Schon hatte der Vermessene den Hut in die Stirne gedrückt, schon stürzte er hinaus in den nahen Hof. Im selben Augenblick raste der Zug durch den Flur des Hauses, bei dem einen Tor hinein, zum andern hinaus, dass das ganze Gebäude unter dem Gedröhn schlagender Hufe und gellender Schreie erzitterte. Der frevelnde Zecher aber wurde in die Luft gehoben, und fort ging’s im Sturmeslauf. Die Gäste aber erbebten vor Schreck und schlugen mächtige Kreuze. Karten und Würfel lagen auf dem Tisch. Keiner wagte sich von der Stelle, und schlotternd und schaudernd verbrachten alle den Rest der Nacht in der Wirtsstube.

Endlich graute der Morgen. Da klumperte jemand vor dem Tor. Müde Schritte hallten durch den Gang. Im Rahmen der Tür erschien nun wieder der verwegene Geselle. Aber wie sah er jetzt aus! Aschfahl im Gesicht, die Kleider zerfetzt, das Haar, das ihm wirr um die Stirne hing, hatte sich gebleicht. Er wollte reden, aber so sehr er sich bemühte, er brachte zunächst kein Wort über die Lippen; der Schreck saß ihm noch in den Gliedern. Krampfhaft umschlossen die Finger seiner rechten Hand ein abgerissenes Zweiglein – das Reis einer Mandelblüte, ein Zeichen aus fernem, heißem Land.

Zum Glück hatte der Zecher in seiner vermessentlichen Ausdrucksweise nicht nur Stampe hin, sondern auch Stampe her gerufen, ansonsten hätte er seine Heimat wohl nie mehr gesehen.



Die Unze und die verzauberte Sennerin

Auf der Stalleralm waren die Senner vor Zeiten einmal recht mutwillig und ausgelassen und erlaubten sich manchen bösen Streich. Da der Besitzer der Alm keine Sennerin mehr hinaufgab, weil er Schlimmes damit erlebt hatte, machten sich die Burschen selbst eine Dirne, aber eine aus Holz, hängten ihr Lumpen herum und ergötzten sich damit. Dieses Holzbild nannten sie die Unze. Sie gaben ihr zu essen, indem sie ihr das Mus einstrichen. Auch anderen Übermut trieben sie mit dem leblosen Gegenstande. Auf einmal merkten sie, als sie das Vieh zusammengetrieben hatten und zurückkehrten, dass das Hausgerät nicht mehr am selben Platz stand, wo sie es verlassen hatten.

Dies wiederholte sich öfters, und die Burschen erschraken bis auf einen, der an keinen Spuk glauben wollte und sich erbot, in der Hütte Wache zu halten, während die andern draußen wären, um zu sehen, wer sich ihre Milchstötze und Butterkübel durcheinander zu werfen getraue. Sie waren einverstanden, und der Verwegene blieb allein in der Hütte zurück. Wie nun die andern heimkehrten, waren sie ganz entsetzt, denn der Zurückgebliebene war geschunden und seine Haut hing vorne vom Dach der Hütte herunter.

Einer von ihnen schrie: „O weh, o weh, wer hat denn das getan?“ – „Die Unze hat es getan“ rief die hölzerne Dirne ihnen aus der Hütte entgegen. Jetzt sahen sie durch die offene Tür, dass das Holzbild lebendig geworden und so schnell gewachsen war, dass es schon die Größe einer erwachsenen Magd hatte. Sie gaben sich alle Mühe, das Gespenst zu vertreiben, allein es war vergebens, und die Dirne fügte ihnen allen möglichen Schaden zu. Endlich wurde ein alter Klosterbruder, der das Geisterbannen verstand, herbaufgerufen. Nach längeren Vorbereitungen, insbesondere nach mehrwöchigem Beten, Fasten und Almosengeben, dem sich alle unterziehen mussten, gelang es dem Pater, die gespenstige Dirne auf einen unzugänglichen Felsen hinaufzubannen.